Unser Bildungsverständnis
Bildungsprozesse in der offenen Jugendarbeit:
Kinder und Jugendliche brauchen Bildung. Nicht alles, was Bildung angeht, kann im Kontext von Schule (bzw. dessen was man als „Bildungssystem” bezeichnet) eingelöst werden. Jugendarbeit ist dabei nicht einfach ein flankierendes Angebot, das durch die Schule funktionalisiert werden kann. Sie hat einen eigenständigen Bildungsauftrag.
Wenn gilt, dass Bildung sich an allen Orten und durch vielfältige Erfahrungen ereignet – insbesondere durch Begegnung mit Menschen und in Gruppen-, müssen alle Einrichtungen, Aktivitäten und Handlungsfelder der Jugendarbeit ihre direkten oder indirekten, bewusst geplanten oder impliziten Bildungspotentiale reflektieren und entwickeln. Auf ein solches umfassendes Bildungsverständnis zielt bereits die grundlegende Norm des Kinder- und Jugendhilferechts (§ 1 SGB VIII/KJHG), nämlich das Recht junger Menschen auf Förderung ihrer Entwicklung und Erziehung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten.
In der offenen Arbeit in der Stadt Aschaffenburg wird (unter Einbeziehung der Bildungsleitplanung) aktuell ein noch größerer Schwerpunkt auf die Förderung dieser Bildungspotentiale gelegt.
Der Bereich „außerschulische Bildung“ soll gezielt ausgebaut werden. Neben der Arbeit im offenen Treff bietet auch der Bereich Werkstätten hierfür eine hervorragende Infrastruktur.
Jugendarbeit ist Bildung und Integration
Jugendarbeit zeichnet sich dadurch aus, dass Bildungsprozesse gleichsam unter Ernstfallbedingungen ablaufen. Jugendliche benötigen vielfältige Formen von Lebenskompetenz für die Bewältigung ihrer immer komplexer werdenden Umwelt.
Hierbei seien insbesondere folgende erwähnt:
- personale Kompetenzen
- Sozialkompetenzen
- Sachbezogenen Kompetenzen (kognitive, organisatorische, handwerkliche, technische, kreative, musische, sportliche)
In der Jugendarbeit verstehen wir unter Bildung immer Subjektbildung/Selbstbildung. Diese gründet sich auf
- Selbstachtung (soz. Anerkennung, Respekt)
- Selbstbewusstsein (Selbsterkenntnis, Reflexion, Bewusstwerden eigener Bedürfnisse / Interessen, Beweggründe)
- Selbstbestimmung (setzt die beiden anderen voraus)
Jugendarbeit bietet im Vergleich zur Schule wenig vordefinierte Orte. Sie bietet Freiräume, die Aufforderung, Eigenaktivität und Selbstbildung sind. Jugendarbeit steht vor allem für folgende Bildungspotentiale:
- Lernort für differenzierte Beziehungsformen
- Erprobungsraum für geschlechtliche Identität
- Ort interkultureller Erfahrungen
- Aneignungsort für Kompetenzen
- Ort der Erprobung von Verantwortungsübernahme und Ehrenamtlichkeit
- Ort ästhetischer Selbstinszenierung
Die offenen pädagogisch intendierten Angebote schaffen Möglichkeiten, sich in Peer Groups zu treffen und sich im geschützten Rahmen auszuprobieren. Dabei werden informelle Bildungsprozesse angestoßen, etwa im Bereich der sozialen Kompetenzen. In offenen Angeboten lernen Jugendliche, eigenverantwortlich zu kommunizieren und zu kooperieren, sich auf Konflikte und deren Lösung einzulassen und haben die Möglichkeit zur Begegnung und Auseinandersetzung mit Jugendlichen unterschiedlicher, sozialer, kultureller, religiöser oder politischer Orientierung. Wir gehen dabei von folgenden Annahmen aus:
Wichtige Schlüsselkompetenzen werden nicht formell (z. B. im Schule oder Ausbildung) sondern informell erworben.
Kinder und Jugendliche erwerben Fähigkeiten. Bildung bzw. Können und Wissen wird nicht vermittelt (Ansatz der Schule), sondern muss im Gehirn der Jugendlichen selbst erzeugt werden d. h. wir müssen die dafür nötigen Ressourcen und Materialien zur Verfügung stellen.
Grundlage unseres Bildungsverständnisses ist das Alltagsgeschehen
Für uns als Jugendeinrichtung bedeutet dies aber auch
Wirkungen nicht-formellen Lernens sollen/müssen besser dokumentiert und nachgewiesen werden.
Im Gegenzug müssen dagegen Resultate und Erfolge, die außerhalb der Schule erworben werden, anerkannt werden.
Ohne Bildung keine Zuversicht
In der Bilanz zeichnet die Shell-Jugendstudie 2010 das Porträt einer Generation zwischen Freiheit, Risiko und Suche nach Verbindlichkeit. Zum einen hätten viele Jugendliche die Möglichkeit, in einer globalisierten Welt unbeschränkt zu reisen, zu studieren und zu arbeiten. Zum anderen drohten globale Risiken wie Finanzkrise, Armut, Unterentwicklung und Umweltzerstörung (76 Prozent der Jugendlichen halten den Klimawandel für ein großes oder sehr großes Problem). Und last but not least bleiben hierzulande immer noch viel zu viele Jugendliche von der Teilhabe an Bildung und sozialem Aufstieg ausgeschlossen. Auch weiterhin bleibt der Schulabschluss der Schlüssel zum Erfolg. In Deutschland hängt er so stark wie in keinem anderen Land von der jeweiligen sozialen Herkunft der Jugendlichen ab. Junge Leute ohne Schulabschluss finden seltener eine qualifizierte Arbeit oder eine Ausbildung. Entsprechend pessimistisch blicken Jugendliche, die sich unsicher sind, ihren Schulabschluss zu erreichen, auch in die Zukunft.
Mehr Optimismus zeigt sich mittlerweile bei den Auszubildenden. Sie sind sehr viel hoffnungsvoller als in den letzten Jahren, nach der Ausbildung übernommen zu werden. Auch in punkto Zuversicht beim Berufswunsch gibt es eine positive Trendwende: 71 Prozent der Jugendlichen sind überzeugt, sich ihre beruflichen Wünsche erfüllen zu können. Jedoch verläuft die Entwicklung bei Jugendlichen aus sozial schwierigen Verhältnissen auch hier wieder gegenläufig: Nur 41 Prozent sind sich diesbezüglich sicher.
Ungebrochen ist der geschlechtsspezifische Trend beim Thema Bildung: Wie sich bereits zu Beginn dieses Jahrzehnts gezeigt hatte, haben junge Frauen ihre männlichen Altersgenossen bei der Schulbildung überholt. Auch in Zukunft streben sie häufiger bessere Bildungsabschlüsse an. Im Vergleich zu den Vorjahren sind immer mehr Jugendliche sozial engagiert: 39 Prozent setzen sich häufig für soziale oder gesellschaftliche Zwecke ein. Auch hier zeigen sich soziale Unterschiede. Aktivität und Engagement sind bildungs- und schichtabhängig. Je gebildeter und privilegierter die Jugendlichen sind, desto häufiger sind sie im Alltag aktiv für den guten Zweck.
Die alternde Gesellschaft in Deutschland betrachten Jugendliche auch weiterhin als Problem. Mehr als die Hälfte sehen das Verhältnis zwischen Jung und Alt als eher angespannt an. Dennoch zeigen immer mehr Jugendliche Respekt vor der älteren Generation und Verständnis für deren Lebensweise. Das zeigt sich auch bei der Frage nach der Verteilung des Wohlstands zwischen Jung und Alt. 47 Prozent der Jugendlichen sind der Meinung, diese sei gerecht. Nur noch 25 Prozent fordern, dass die Älteren ihre Ansprüche reduzieren sollen.
Unter diesen, natürlich auch in Aschaffenburg geltenden gesellschaftlichen Bedingungen kämpft Jugendarbeit darum, entsprechende positive Situationen und Ausgangslagen für Jugendliche zu schaffen bzw. zu erhalten sowie als eigenständige Bildungsinstitution neben Elternhaus und Schule anerkannt zu werden. Zudem wird „Jugend“ in der öffentlichen Diskussion zunehmend negativ dargestellt – anscheinend ein „ewiges“ Phänomen:
„Immer diese Problemjugend“
„Die Welt macht schlimme Zeiten durch. Die jungen Leute von heute denken an nichts anderes als an sich selbst. Sie haben keine Ehrfurcht vor ihren Eltern oder dem Alter. Sie sind ungeduldig und unbeherrscht. Sie reden so, als wüssten sie alles, und was wir für
weise halten, empfinden sie als Torheit.” (anonymer Mönch, um 1270)
„Es lässt sich gar nicht beschreiben, welch großen Zuwachs aller Art die Schlechtigkeit erfahren hat. Die häusliche Zucht ist geschwunden, während sie in unserem Knabenalter noch einigermaßen vorhanden war.” (Melanchthon, De miseriis paedagogorum, 1533)
Die letzten bewaffneten Überfälle sind fast sämtlich die Fälle von Jugendlichen weit unter zwanzig Jahren gewesen, die ihre Pistolen als Waffen der Aggression benutzen…, als würden sie nicht mehr tun als Steine zu werfen. (1898)